Elf Monate lang hatte ich mich auf dieses Konzert gefreut – das Coldplay-Open-air im Reitstadion Riem am 29. August 2009. Nach München (Zenith), Böblingen, Oberhausen und München (Olympiahalle) mein fünftes Coldplay-Konzert und das erste unter freiem Sommerhimmel. Das Kind war bei den Großeltern untergebracht, die Sonne schien, und bevor wir aufbrachen, checkte ich acht Mal meine Konzerttasche: Alles dabei? Handy, Digicam, Geld, Schlüssel, Lippenstift, Zigaretten, IsarCard … Ja, alles dabei. Viva-la-Vida-Shirt am Körper. Ready. Go.
19 Uhr 10: „Dein Ticket hast du aber schon?“ fragte mein Mann eher spaßeshalber, als wir am Hauptbahnhof in die S2 Richtung Riem steigen wollten.
„Äh, nein.“
19 uhr 15. Um 19 Uhr sollten die Vorbands beginnen, gegen 21 Uhr dann Coldplay. Kein Grund zu Panik. Zurück zur U-Bahn, Ankunft zu Hause um 19.26 Uhr, Treppensprint von B. in die Wohnung, Rückfahrt mit der Gegen-U-Bahn um 19.29 Uhr. Als wir wieder am Hauptbahnhof waren, hatte sich die Zahl der als Konzertbesucher identifizierbaren Menschen auf dem Bahnsteig deutlich verringert. Ich wurde nervös. Und B. hörte Radio. Der FC Bayern spielte gerade und schoss sogar Tore, und noch nie hat mich das so wenig interessiert wie gestern.
20 Uhr. S-Bahnhof Leuchtenbergring. Warten. Rauchverbot. Verdächtige Leere. Ungutes Gefühl.

20 Uhr 15, Ankunft in Riem. Beim Verlassen des Zuges: Vertraute Klänge. Zu vertraut. Geliebt sogar. Scheiße. Die haben schon angefangen!
„Die haben schon angefangen!!!“
„Drei null! Wieder Robben! Unglaublich.“
Ich rannte los. Und B. mir hinterher. Über einen Kilometer von der S-Bahn bis zum Stadion, angepeitscht von Violet Hill und Clocks. Bei den ersten Klängen von In My Place (das erste Lied, das ich je von Coldplay hörte, damals, 2001 im Radio irgendwo in den schottischen Highlands, die Sonne kam gerade durch die Wolken) erreichten wir die Eingänge.
„Stehplatz? Da müsst’s eigentlich da drüben nei!“
„LASS! MICH! GEFÄLLIGST! DA! DURCH!“ Und ich kann doch autoritär sein. Die Security-Frau zuckte zusammen und machte den Weg frei.
20 Uhr 25: Bei Yellow beruhigt sich mein Atem langsam, B. bringt mir ein Bier in einem wunderschönen Coldplay-Tourbecher und meine Welt ist wieder in Ordnung. Fast. Denn wir stehen zwar weit vorne, aber am Rand. Sehr am Rand. Ränder geht’s fast nicht.
„Komm, wir drängen uns weiter nach innen rein!“
„Dafür hätten wir früher dran sein müssen. Bleiben wir lieber hier stehen.“
„Ja, hast recht.“ Selbst schuld, Ticketvergesserin!

20 Uhr 55: Direkt hinter mir beginnen die Ordner damit, eine Gasse mit rot-weißem Sicherheitsband abzusperren. Mein Magen kribbelt. Ich ahne etwas. Ich rücke unauffällig näher an die Absperrung, bis ich direkt an der Gasse stehe.
Viva la Vida! Das Publikum oooooh-ooooooh-oooooht kräftig mit.
21 Uhr: Die Ordner gehen die Gasse ab und checken den Boden mit Taschenlampen auf Flaschen, Becher, Scherben. Ich frage einen Security-Mann, was hier passiert. Och, das sei nur, weil so viele Leute da seien, meint er, als Rettungsweg.
21 Uhr 05: Ein Raunen geht durch die Menge, und ich entscheide mich spontan dafür, die Digicam wegzupacken und einfach nur zu schauen. Und dann kommt die Band die abgesperrte Gasse entlang, im Blitzlichtgewitter der Digicams. Ich sehe Guy, ich sehe Will, ich sehe bullige Bodyguards, und dann sehe ich ihn. Wie in Zeitlupe. Ich strecke meinen rechten Arm aus, über das Absperrband hinüber, und Chris Martins Hand streift für einen Augenblick meine.
Danach singen sie irgendwas, hinten auf der Tribüne. Green Eyes, glaube ich. Und dann ein Michael-Jackson-Cover, Billie Jean. Zeit, mich zu sammeln.
21 Uhr 25: Die werden doch nicht den gleichen Weg zurück nehmen? Nein, die gehen bestimmt andersrum. Anyway. Diesmal halte ich einfach die Kamera hin und drücke so oft auf den Auslöser, wie es geht.

21 Uhr 45: Ich checke meine letzten Fotos und kann es kaum fassen. Auf den meisten sind nur bullige Bodyguards zu sehen, die grimmig durch die Menge stapfen, aber auf einem ist tatsächlich er. Womit habe ich eigentlich so viel Glück verdient?
Als Zugabe dann noch The Scientist. Zuhören. Runterkommen. Glücklich sein. Staunen. Darüber, wie mich diese Band immer wieder verzaubert, wie viel mir ihre Musik bedeutet und welch wunderbare Folgen es haben kann, wenn man sein Konzertticket zu Hause vergisst.